Albanien: Wirtschaftlicher Wandel im Werden

Februar 2012

Honorarkonsul will unbegründete Vorbehalte ausräumen

Fast 60 deutsche Unternehmen sind bereits in Albanien aktiv. Was dies Land potenziellen Investoren neben einer Flat-Tax von zehn Prozent noch zu bieten hat, erläutert Honorarkonsul Hans-Jürgen Müller, Präsident der Deutsch-Albanischen Wirtschaftsgesellschaft e. V.

Sehr geehrter Herr Müller, beim Gedanken an Albanien fallen einigen Menschen sofort die Begriffe Korruption und Blutrache ein. Was entgegnen Sie diesen?

Das Albanien, das früher die Bilder in Deutschland prägte, befindet sich im Wandel. Die meisten die bislang Albanien persönlich kennen lernen konnten, kommen mit positiven Eindrücken zurück. Gibt es noch Blutrache, dann vor allem in der Literatur. Korruption lässt sich nicht bestreiten, aber dies ist erstens kein rein albanisches Phänomen; zweitens hat die EU Albanien erhebliche Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung attestiert.

Wie wollen Sie angesichts des schlechten Images von Albanien das Vertrauen von Investoren gewinnen?

Ein zentraler Punkt ist die Ausräumung von unbegründeten Vorbehalten und falschen Eindrücken. Albanien ist ein sicheres und gastfreundliches Land. Politik und Wirtschaft sind um einen Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen, gerade mit Deutschland, bemüht. Fast sechzig in Albanien vertretene deutsche Unternehmen zeigen, dass Albanien für Industrie, Handel und Dienstleistungen gar nicht so uninteressant sein kann. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wurden in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Unser zentrales Anliegen ist daher, mehr Unternehmen beispielsweise durch Unternehmensdelegationen und Informationsveranstaltungen für Albanien zu begeistern.

Allein die Suche nach Informationen über die aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen in Albanien ist recht schwierig ...

…, weil zu wenig über den politischen und wirtschaftlichen Wandel berichtet wird. Unser Ziel ist, über unsere Verbindung in die deutsche Wirtschaft und in guter Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen in Albanien, Unternehmen gezielt anzusprechen. Ein enormer Fortschritt ist dabei die erfolgreiche Etablierung einer deutschen Interessenvertretung vor Ort, der Deutschen Industrie- und Handelsvereinigung in Albanien, die - wie die DAW in Deutschland - interessierten Unternehmen als erste Anlaufstelle für Kontakte zur Verfügung steht.

Wie sieht es derzeit mit der Wirtschaft in Albanien aus? Insbesondere angesichts der Krise in Griechenland, einem Land, mit dem Albanien enge Wirtschaftsbeziehungen pflegt?

Albanien konnte sich in der Krise wirtschaftlich gut behaupten. Die Wirtschaft ist seit 2002 jährlich um 5 bis 7 Prozent gewachsen. Zwar hat sich das Wirtschaftswachstum bedingt durch die Krise in Euroland, insbesondere Griechenland, verlangsamt, dennoch bleibt die Wirtschaft mit 1,5 bis 3 Prozent aufwärts gerichtet. Dazu tragen auch die Hauptpartnerländer im Außenhandel bei. Neben Italien, Griechenland und der Türkei zählen auch Österreich und Deutschland hierzu.

Was hat Albanien Besonderes zu bieten? Weswegen sollten sich deutsche Mittelständler mit dem Land beschäftigen?

Albanien ist ein zentrales Tor zum westlichen Balkan. Durch die wachsende regionale Zusammenarbeit entsteht ein Markt mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Neben Investitionen in die öffentliche Infrastruktur werden auch Konsumgüterhandel und Logistik zunehmend interessanter. In den verarbeitenden Bereichen wie Textilien, Schuhe und anderen Zweigen der Leichtindustrie ist Albanien interessant für mittelständische Investitionen. Warum in der Ferne investieren, wenn Marktperspektiven vor der eigenen Haustür liegen.

Lange galt Irland als wirtschaftlich rückständig, bis es Mitte der 90er Jahre plötzlich als keltischer Tiger bezeichnet wurde. Glauben Sie, dass Albanien eine ähnliche Entwicklung hinlegen kann?

Für einen Vergleich sind die Unterschiede zu vielfältig, aber Albanien ist inzwischen ein wichtiger Stabilitätsanker und Wachstumsmotor des westlichen Balkans. Viele ausländische Investoren haben dies erkannt. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wie eine Flat Tax mit 10 Prozent, ein One-Stop-Shop für Unternehmensgründungen, der Abbau von Zöllen im Rahmen des Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union, aber auch das Investitionsschutzabkommen und das nun in Kraft getretene Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und Albanien laden zum Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen mit Albanien ein und geben Investitionssicherheit.

Wie sind Ihre Prognosen für die wirtschaftliche Entwicklung Albaniens?

Albanien hat noch viel aufzuholen. Die EU-Assoziation beschleunigt den Wandel in Albanien. Das albanische Wirtschaftswachstum, Investitionen als auch der Konsum, dürften in den nächsten Jahren über dem europäischen Durchschnitt liegen. Albanien hat gute Chancen, …

Was sind die wichtigsten Themen, die in Albanien in Angriff genommen werden müssen?

… allerdings muss Albanien seinen Reformkurs konsequent fortsetzen. Der EU-Fortschrittsbericht hat die entscheidenden Punkte genannt, die erfüllt werden müssen, damit Albanien sein selbst gestecktes Ziel erreichen kann, den EU-Kandidatenstatus zu erhalten: weitere Wirtschaftsreformen durch Schaffung von Grundbuchämtern, Klärung der Eigentumsfragen, Verlässlichkeit des Rechtsrahmens, die Etablierung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit und nicht zuletzt die Bekämpfung der Korruption.

Wie wollen Sie mit Ihrem Verein zur Verbesserung der Lage in Albanien beitragen?

2012 feiert Albanien seine 100-jährige Unabhängigkeit. Wir als DAW bringen uns dabei mit unserer Schwesterorganisation DIHA durch die 6. Deutsch-Albanische Wirtschaftskonferenz ein, die am 20. Juni 2012 in Tirana stattfinden wird. Interessierten Unternehmern werden ungenutzte Potenziale für Investition und Handel in verschiedensten Wirtschaftssektoren aufgezeigt. Darüber hinaus sind weitere Wirtschaftsveranstaltungen und Gespräche geplant. Wir präsentieren uns hierbei als Anlaufstelle für alle an Albanien interessierten Personen und Unternehmen mit unserem Netzwerk bilateraler Unternehmenskontakte.

- Weitere Informationen zur Deutsch-Albanischen Wirtschaftsgesellschaft e. V. unter www.daw-wirtschaftsgesellschaft.de
- Ausgewählte Investitionsbedingungen in Albanien bietet das Länderinfo des EuropaService unter
http://www.europaservice.dsgv.de/laender.

 

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