Nordmazedonien: Nearshoring-Paket erleichtert Einstieg

Abhängigkeiten und Engpässe reduzieren – dies sind Antriebskräfte vieler Unternehmen, um widerstandsfähiger gegen Auswirkungen von Pandemien u. ä. zu werden. Was Nordmazedonien den KMUs in Deutschland zu bieten hat, erläutert Patrick Martens, Leiter der AHK Nordmazedonien.

Nordmazedonien: Nearshoring-Paket erleichtert Einstieg
Patrick Martens
Leiter der AHK Nordmazedonien

Herr Martens, in jüngster Zeit gab es vielfältige Veranstaltungen, die den Westbalkan im Fokus hatten, wie z. B. die Einkaufsinitiative Westbalkan, der EU-Westbalkan-Gipfel. Spüren Sie einen Aufwind in Nordmazedonien?

Ja, wir erwarten eine nachhaltige Steigerung des Exportvolumens nach Deutschland aus Nordmazedonien. Ein wichtiger Faktor wird aber auch für Nordmazedonien die Dekarbonisierung der Industrie sein. Ohne Dekarbonisierung keine Lieferkette. Der Strompreis wird ein weiterer Faktor für Investoren sein. Als Bestandteil des europäischen Stromnetzes werden Einspeisungen an den Regeln der EU gemessen und da wird Dekarbonisierung relevant. So wird künftig sicherlich auch die Stahlindustrie in Nordmazedonien nicht auf zurzeit existierenden Preisen ihre Pläne machen können.

Strategische Investitionen werden jedoch nicht von heute auf morgen in den Unternehmen getroffen. Es handelt sich um einen Prozess, der nun zudem durch die Themenfelder wie Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und „Green Deal“ flankiert wird. Die betroffenen Unternehmen als Investoren sind ja sehr sektorspezifisch. So würden z.B. Investitionen der Pharmaindustrie auf dem Balkan bedeuten, dass möglicherweise auch Veränderungen in den Produktionskosten entstünden. Die Frage wäre dann z.B., ob diese weitergegeben werden können.

Insgesamt wird Nordmazedonien immer eine Nischenoption, ein Nischenstandort bleiben. Die Frage ist, wie gut man die Nische besetzen kann. 

Nordmazedonien ist ein kleines Land: Inwiefern könnte es wirtschaftlich dennoch für KMUs in Deutschland interessant sein?

Ja, wir sind so groß wie Hamburg und haben derzeit die Kaufkraft von Gelsenkirchen. Somit sind wir als Absatzmarkt zurzeit nicht von großer Bedeutung. Aber wir sind ein attraktiver Produktionsstandort. Wir sind in der Region die ersten gewesen, die ganz konkrete wirtschaftsfördernde Maßnahmen etabliert haben.

Wie unterstützen Sie die Unternehmen denn konkret?

Wir haben ein so genanntes Nearshoring-Paket für den Umzug des Produktionsstandortes nach Nordmazedonien entwickelt. Darin enthalten sind zum Beispiel virtuelle Brownfield- und Greenfieldbesichtigungen, die komplette Registrierung des Unternehmens, die Buchhaltung, Steuerberatung etc. Hierzu haben wir uns mit einer Gruppe von AHK-Ländern zusammengetan, die vergleichbar sind. Länder, die zwar quasi Europa sind, aber nicht zur EU gehören, wie z. B. Bosnien und Herzegowina, Serbien, die Ukraine. Wir wollen künftig gemeinsam nach außen auftreten, da wir festgestellt haben, dass wir die gleiche Schnittmenge an Investoren haben.

Richten Sie sich mit Ihrem Angebot an bestimmte Branchen?

Wir sind für sämtliche Branchen offen. Nach der Unabhängigkeit Mazedoniens im Jahr 1991, in der Pionierphase, hatten sich vor allem Unternehmen aus dem Automobil-Zulieferbereich und dem Kabel-Bau angesiedelt. Dies sind die Kiefern und Birken der Industrie. Daraus entwickeln sich nach und nach höher spezialisierte Unternehmen, wie z. B. die Medizintechnik.

Sie sprechen von Nearshoring. Vielfach ist von Reshoring in den Medien zu lesen.

Reshoring meint eine Rückverlagerung der Produktion von China nach Europa. Ich glaube eher nicht, dass es dazu kommen wird. Die Bedeutung Chinas als Markt wird nicht abnehmen, da alleine die Größe schier unerschöpflich scheint. Aber für bestimmte Produktionen, die sich in der EU selbst nicht rechnen oder die Fachkräfte nicht (mehr) da sind, kann eine Verlagerung in EU-Anrainerstaaten interessant sein.

Und wenn KMUs aus Deutschland nicht selbst in Nordmazedonien investieren möchten…?

Wir bringen auch verstärkt Zulieferer aus unserer Region mit deutschen Unternehmen in Verbindung. Hier wollen wir Brücken bauen. Dazu gründen wir einen Expertenrat, der die Unternehmen schon mal ein wenig filtert, vergleichbar mit der Sendung „Die Höhle der Löwen“. Wir haben schon Unternehmen vermittelt, die Software für Banken in Deutschland herstellen. Ich denke dies ist etwas, wo wir noch gezielter unterschiedlich aufgestellte Unternehmen aus Deutschland und aus Nordmazedonien zusammenbringen können. 

Nun wird Nordmazedonien aber vielfach noch mit Rechtsunsicherheit in Verbindung gebracht. Dies könnte für viele Unternehmen abschreckend wirken.

Jedes Unternehmen, das in andere Ländern aktiv wird, hat jeweils Vor- und Nachteile abzuwägen. Sie haben ein Risiko genannt, mit dem sich umgehen lässt. Dem stehen Vorteile wie günstigere Produktionskosten gegenüber. Wir sehen insgesamt eine Entwicklung, was die Annährung an EU-Standards angeht. 

Nordmazedonien belegt aber Platz 106 im Corruption Perception Index…

Daran können alle ablesen, dass da noch Luft nach oben ist. Bis zu den Standards, die wir in Deutschland, Skandinavien, der Schweiz oder Österreich haben, ist es noch ein weiter Weg. Aber wir sehen die Fortschritte dahin, auch durch wirtschaftliche Verbindungen. Wir können aber nicht alle Unterschiede, insbesondere die  kultureller Natur, mit einem deutschen Ansatz einebnen.

Teilweise gibt es hier schon skurrile Situationen, dass z.B. bei Rechtsstreitigkeiten der eigene Rechtsanwalt möglicherweise von der Gegenseite gekauft wurde. Aber wir erleben auch, dass beispielsweise inzwischen Häuser abgerissen wurden, die ohne Baugenehmigung gebaut wurden. Dies sind objektiv wahrnehmbare Maßnahmen, die darauf hindeuten, dass die Stärkung von Rechtsstaatlichkeit Schwerpunkt der jetzigen Regierungsarbeit ist.

Und bei Investitionen in Sonderzonen und Industriezonen haben wir bisher wirklich ordentliche Abläufe erlebt, es gab keine Korruptionsfälle. Unternehmen, die hier aktiv werden, sind gut beraten, sich gerade am Anfang auf jeden Fall an alle Formalien zu halten. Dann hat man ein gutes Fundament gelegt.

Wo sehen Sie bislang die größten Fortschritte? Seit Dezember 2005 erhält Nordmazedonien Vorbeitrittshilfen der EU.

Bis zur Pandemie hatten wir hier eine prosperierende Wirtschaft. Die Unternehmen produzieren für den EU-Markt und haben enorme Wachstumsraten durch den Export gehabt.  Der Zugang zum EU-Markt ist hervorragend.

Und was ist noch dringend erforderlich?

Wir haben ein Problem mit der West-Ost-Anbindung im Balkan. Sie können problemlos in den Norden fahren. Aber wenn Sie von hier nach Sofia oder Tirana fahren, dann benötigen Sie fünf bis sieben Stunden für 250 Kilometer. Auch im Gesundheitsbereich muss noch viel passieren. Dies hat die Pandemie deutlich gemacht. Um Unternehmen hier entsprechend zu unterstützen, haben wir zum Beispiel Webinare angeboten mit dem Titel „Am Kampf gegen Covid 19 teilnehmen“. In denen informieren wir über verschiedene Möglichkeiten, wie Unternehmen die Verbreitung des Virus am Arbeitsplatz verringern können. 

Im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt müssen auch gewisse Standards umgesetzt werden. Wie sieht es damit in Nordmazedonien aus?

Der Umweltbereich wurde sicherlich bislang vernachlässigt. Künftig wird zum Beispiel auch die Abwasserbehandlung stärker im Fokus sein. Hier gibt es neue Chancen für Unternehmen aus Deutschland. Auch im Bereich erneuerbare Energie, Energieeffizienz in Gebäuden. Wenn wir künftig weiter eine starke Industrialisierung haben, wird sicherlich auch der Maschinenanlagenbau profitieren.

Wie schätzen Sie denn den Rückhalt in der Bevölkerung ein, die Anstrengungen, die mit dem EU-Beitrittsprozess verbunden sind, auch mitzutragen?

Es ist ganz klar, dass die Bevölkerung in die EU möchte. Man muss natürlich auch ganz deutlich sagen, dass es ein Momentum gibt. Je länger sie warten müssen und die Menschen enttäuscht sind, desto mehr entsteht Frustration. Dann könnte möglicherweise auch der politische Wind drehen. Derzeit fühlt man sich nicht als Teil Europas, möchte aber Europäer werden. Das hören Sie an der hier gängigen Formulierung:  „Dort in Europa“.


Unternehmen, die sich in Norwegen engagieren möchten, finden weitere Hinweise über geschäftliche Rahmenbedingungen in der Länderinformation Nordmazedonien. Kurzprofile nordmazedonischer Unternehmen sind ebenfalls beim EuropaService zu finden. Auch die aktive Geschäftspartnervermittlung ist möglich.

Informationen zur AHK Nordmazedonien finden Sie unter https://nordmazedonien.ahk.de/


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Iris Hemker
Länderinfos, Kooperationsservice


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