Polnische Kreativität passt perfekt zu deutscher Erfahrung

29.04.2020

In Korona-Zeiten wird die Bedeutung des EU-Binnenmarktes für die Wirtschaft besonders deutlich. Die Neuorganisation von Lieferketten ist zu überlegen. Aufgeschlossenheit für eine Zusammenarbeit mit polnischen Unternehmen und attraktive Fördermittel können da hilfreich sein, so Lukasz Chrabanski, Leiter der Polnischen Agentur für Investitionen und Handel (PAIH) der Niederlassung Frankfurt a. M.

Polnische Kreativität passt perfekt zu deutscher Erfahrung
Im Gespräch mit
Lukasz Chrabanski
Leiter der Polnischen Agentur für Investitionen und Handel der Niederlassung Frankfurt a. M.

Auch in Polen beeinflusst die Ausbreitung des Corona-Virus die Wirtschaft. Welche Entwicklung erwartet man für das BIP?

Lockdown und Ausgansbeschränkungen nehmen einen negativen Einfluss auf viele Branchen: Gastronomie, Kultur und Unterhaltung, Sport und Freizeit sowie Unterkunft und Tourismus. Wirtschaftler schätzen, dass die Weltwirtschaft sich wahrscheinlich mit der bisher tiefsten Rezession in der Nachkriegsgeschichte auseinandersetzen muss.

Auch Polen bliebt von der Krise nicht verschont – niemand kann heute vorhersagen, wie tief ein Schock ist, mit dem wir es jetzt zu tun haben. In diesem Szenario spielen regionale Partnerschaften eine größere Rolle. Gemäß Internationalem Währungsfonds wird die europäische Wirtschaft um 7,5 Prozent schrumpfen, die deutsche um 7 Prozent und die polnische um 4,6. Es ist sicherlich zu früh, um über eine tiefe Krise zu sprechen. Neuorganisationen von Lieferketten sind sicherlich zu erwarten – die Unternehmen werden sicherlich die Risiken in Betracht ziehen, um Lieferunterbrechungen zu vermeiden.

Welche Maßnahmen ergreift die Politik zur Unterstützung der Wirtschaft?

Zurzeit müssen die Einwohner in Polen Mund und Nase bedecken, wenn sie ihren Wohnort verlassen. Bis zum 3. Mai ist auch die Einreise von nicht in Polen lebenden Ausländern unmöglich – nichtsdestoweniger funktioniert der Cargo-Transport. Auch bis zum 3. Mai müssen sich die nach Polen Reisenden für 14 Tage in Quarantäne begeben. Das Halten von Versammlungen, Besprechungen, Veranstaltungen oder Besprechungen ist bis auf Widerruf verboten. Darüber hinaus müssen die Arbeitgeber zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für ihre Arbeitnehmer vorsehen.

Die polnische Regierung bereitet für die Firmen ein Hilfspaket wegen COVID-19 vor. Sie hat bereits viele Maßnahmen ergriffen z. B. Kofinanzierung der Vergütung; die Beschäftigung wird flexibler gemacht; Arbeitnehmergehälter und Geschäftstätigkeit natürlicher Personen werden kofinanziert; Befreiung von der Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen; Kredite für Kleinstunternehmer; Verschiebung von Steuer- und Gebührenzahlungsterminen; Verlängerung der Fristen für bestimmte Verpflichtungen, insbesondere Steuerpflichten. Auf jeden Fall sollte die Regierung sich alle erdenkliche Mühe geben, um die Wirtschaft zu schützen. Bald ist auch die Lockerung vom Lockdown schrittweise zu erwarten.

Im Jahr 2019 hatte Ihre Förderagentur 59 Projekte mit Erfolg bedient . Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Dieser Erfolg lässt sich auf viele Faktoren zurückführen. Erstens, zählt Polen in Bezug auf die Bevölkerungsgröße zu den größten EU-Mitgliedstaaten – mit knapp 38,5 Millionen Einwohnern belegt es den 6 Platz. Somit ist Polen ein starker Binnenmarkt von Verbrauchern und macht fast 40 Prozent von der Bevölkerung in Mittelosteuropa aus. Das hängt eng damit zusammen, dass es in Polen mehr als 1,2 Millionen Studenten und circa 330.000 Tausend Absolventen gibt. Jeder zehnte Student in Europa kommt aus Polen. Da das Erlernen einer Fremdsprache an der Universitäten obligatorisch ist, können 90 Prozent von den Studenten mindestens eine Fremdsprache, vor allem Englisch, aber an zweiter Stelle steht Deutsch – das lockt auch die Investoren an, die sich problemlos mit den Arbeitnehmern in Polen verständigen können. Auch die Kunden vor Ort können von Polen aus sehr gut betreut werden.

Überdies sind über 63 Prozent von Polen unter 50 Jahre alt. Der Einfluss von Migranten aus der Ukraine und von der Rückkehr von Polen aus Großbritannien bewirkte einen Zustrom von Arbeitskräften. Dadurch bleiben die Löhne auch verhältnismäßig stabil. Die Arbeitskosten, obwohl sie allmählich steigen, sind immer noch niedriger im Vergleich zu denen in westeuropäischen Ländern, wobei die Produktivität und Qualität auf hohem Niveau bleibt.

Von großer Bedeutung ist auch die Marktreife. Im Business Service Sector sind schon fast 310.000 Arbeitnehmer angestellt, in der Automotive-Branche 210.000. Viele ausländische Investoren sind schon lange in Polen tätig. Von ihrer Zufriedenheit zeugt die Anzahl der neuen Projekten, also der Reinvestitionen, die sie durchführen. In der aktuellen Situation beobachten wir ein großes Potenzial in der IT-Brache. Allen wurde klar, dass digitale Veränderungen unvermeidlich sind.

Sind unter diesen Vorhaben auch Projekte von kleinen und mittleren Unternehmen

Unsere Agentur betreut zurzeit 180 neue Projekte. Vor allem werden sie von den großen Unternehmen umgesetzt. Bisher investierten schon mit Erfolg in Polen u.a. VW, MAN, Mahle, Zalando, Mercedes-Benz, MTU, Bayer, Bosch, Lufthansa usw. Es gibt aber auch immer mehr kleinere Projekte, besonders in der Automotiv-, IT- und R&D-Branche.

Sie sind für die Agentur der Ansprechpartner in Deutschland. Mit welchen Fragen wenden sich deutsche Unternehmen an Sie?

Als Handelsbüro in Frankfurt sind wir der Ansprechpartner für deutsche Unternehmen, die eine Zusammenarbeit mit den polnischen Partnern schließen möchten. Die deutschen Firmen wissen die polnische Qualität, Konkurrenzfähigkeit, Flexibilität und Rechtzeitigkeit zu schätzen. Die geographische Lage ist auch ein Grund, weil die Produktlieferung unverzüglich möglich ist. Das ist besonders wichtig heutzutage, seitdem es sich herausgestellt hat, wie problematisch die Abhängigkeit von Lieferungen aus Drittländern sein kann.

Als PAIH stehen wir auch den deutschen Investoren zur Verfügung – damit beschäftigen sich meine Kollegen in der Zentrale, die vor Ort die ausländischen Investoren betreuen.

Der Wirtschaftsaustausch zwischen Polen und Deutschland ist bereits sehr intensiv. Wo sehen Sie die größten Chancen für deutsche KMU, sich in Polen wirtschaftlich zu engagieren?

Die Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland hält sich beständig und auf jeden Fall können beide Seiten von der langfristigen Partnerschaft profitieren. Für Deutschland sind die Engpässe auf dem Arbeitsmarkt eine große Herausforderung, besonders in der IT-Branche. In dieser Hinsicht können Polen und Deutschland einen Synergieeffekt schaffen. Die Vorteile des Binnenmarktes sowie geographische und kulturelle Nähe Polens machen die Zusammenarbeit viel einfacher, effizienter und günstiger.

Was raten Sie deutschen KMU generell für deren Markteintritt in Polen?

Erstens, stehen den Investoren nicht nur qualifizierte Arbeitskräfte, sondern auch attraktive Fördermittel zur Verfügung. Zusätzlich kann PAIH Markt-Informationen sowie Beratung zum Thema Standort anbieten. Solche Informationen und Mittel werden definitiv den Einstieg in den polnischen Markt vereinfachen.

Wenn es um die Einstellung geht, sind Aufgeschlossenheit und Offenheit für eine Zusammenarbeit mit polnischen Unternehmen und Investitionen in Polen auf jeden Fall hilfreich. Dies können die deutschen Firmen direkt bei der ersten Begegnung mit dem polnischen Know-how testen. Besonders in der IT- und Fintech-Branche kann man viele gute Lösungen finden. Beispielsweise, ist mir, der ich in Deutschland wohne und beide Länder vergleichen kann, aufgefallen, dass bargeldlose Zahlungen viel weiterentwickelt in Polen sind. Jetzt können wir alle sogar am eigenen Leibe erfahren, wie wichtig die Mobile-Payment-Systeme sind und dass die Digitalisierung weltweit richtig in Schwung kommt.  Polnische Technologieunternehmen sind auch zuverlässige und hochspezialisierte IT-Unternehmen, die bei Bedarf deutscher Unternehmen im Rahmen von Unteraufträgen umfassende Projektunterstützung leisten können.

In Deutschland befinden sich zahlreiche Innovationszentren ausländischer Unternehmen, die nach Technologien in Europa suchen. Mit unseren Kenntnissen und Kontakten sind wir bereit, die polnische Technologielieferanten für spezifische Bedürfnisse aus dem deutschen Markt zu finden. Auch die Zusammenarbeit zwischen deutschen KMUs und polnischer Start-up-Szene ist ein weiteres Potenzial, wovon beide Seiten noch mehr profitieren können. Am Anfang des Jahres hatten wir auch die Möglichkeit, ein polnisches Institut mit einem deutschen F&E-Zentrum zu verbinden. Man sieht, dass solche Projekte echt eine große Chance für einen Erfolg haben. Die deutsche Erfahrung passt perfekt zu polnischer Kreativität, zum Fleiß und zu innovativen Ideen. 


Mehr Informationen über die Förderagentur Polens finden Sie unter https://www.paih.gov.pl

Der EuropaService der Sparkassen-Finanzgruppe bietet weitere Informationen über geschäftliche Rahmenbedingungen in Polen in seinem Länderinfo.

Verschiedene Möglichkeiten Geschäftspartner in Polen zu finden, werden auf den Internetseiten des EuropaService im Bereich Kooperationsservice erläutert.


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Iris Hemker
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