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Frankreich - vielfältige Kompetenzen für Zusammenarbeit

Gerade in Zukunftsfeldern wie Wasserstoff, Dekarbonisierung, Digitalisierung, Medizintechnik und Künstliche Intelligenz bieten sich europäische Diversifizierungsmöglichkeiten. Miteinander kann mehr entwickelt und investiert werden.

Dr. Harald Langenfeld

Präsident des Deutsch-Französischen Wirtschaftsclubs Mitteldeutschland e. V., Französischer Honorarkonsul und Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Leizpig

Am 23. September findet der Mitteldeutsche Exporttag unter dem Motto „Weltmarkt neu gemischt“ statt. Als Präsident des Deutsch-Französischen Wirtschaftsclubs Mitteldeutschland e.V. und Französischer Honorarkonsul, wo sehen Sie da Frankreich?

Frankreich ist für mich ein ganz wichtiger Partner, wenn wir über die Neuordnung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen sprechen. Genau darum geht es ja beim Motto „Weltmarkt neu gemischt“: Lieferketten werden neu gedacht, geopolitische Risiken verändern Geschäftsmodelle und Unternehmen suchen neue Märkte und verlässliche Partner.

Frankreich bietet hier sehr gute Voraussetzungen. Es ist ein großer europäischer Binnenmarkt, eng mit Deutschland verbunden und zugleich stark in Bereichen wie Industrie, Energie, Mobilität, Digitalisierung und Forschung.

Für mich ist aber noch etwas anderes entscheidend: Wenn Europa wirtschaftlich souveräner werden will, müssen wir innerhalb Europas enger zusammenarbeiten. Frankreich und Deutschland haben dabei eine besondere Verantwortung. Für Mitteldeutschland heißt das: Wir sollten Frankreich nicht nur als Absatzmarkt sehen, sondern als strategischen Partner.

Im Fokus des Clubs stehen die Chancen und Entwicklungsperspektiven für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frankreich und den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Welche Chancen sehen Sie für die Zusammenarbeit?

Da gibt es aus meiner Sicht gleich mehrere. Zum einen natürlich beim Handel. Viele mitteldeutsche Unternehmen sind technologisch sehr gut aufgestellt. In Frankreich gibt es für sie noch erhebliches Potenzial.

Zum anderen bei Kooperationen. Gerade bei Zukunftsthemen müssen wir nicht alles allein machen. Frankreich und Mitteldeutschland bringen starke industrielle und wissenschaftliche Kompetenzen mit, die sich gut ergänzen, etwa bei Wasserstoff, erneuerbaren Energien, Energieeffizienz oder neuen industriellen Verfahren.

Und dann ist da das Thema Investitionen. Wir wollen französische Unternehmen stärker für Mitteldeutschland interessieren – als Investitions- und Innovationsstandort. Und umgekehrt wollen wir unsere Unternehmen ermutigen, den französischen Markt stärker in den Blick zu nehmen.

Kurz gesagt: Es geht nicht nur darum, mehr miteinander zu handeln. Es geht darum, mehr miteinander zu entwickeln und zu investieren.

Sachsen hat internationale Grenzen zu Polen und Tschechien. Wie kam es da gerade zur Gründung des Wirtschaftsclubs mit Schwerpunkt Frankreich?

Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht überraschend. Für mich ist es aber gerade deshalb folgerichtig.

Sachsen ist traditionell eng mit Mittel- und Osteuropa verbunden. Gleichzeitig brauchen wir einen europäischen Blick, der weiter reicht. Frankreich ist Deutschlands wichtigster Partner in Europa und ein entscheidender Akteur in der europäischen Wirtschaftspolitik.

Die Initiative für den Club kam 2023 von der Sparkasse Leipzig und der IHK zu Leipzig. Wir wollten die bereits bestehenden Kontakte zu Frankreich stärker in die Wirtschaft tragen und vor allem Unternehmen miteinander ins Gespräch bringen. Dazu kommt die besondere Verbindung Sachsens zu Okzitanien. Dort sehen wir sehr konkret, wie aus regionalen Partnerschaften wirtschaftliche Kontakte entstehen können. Deshalb geht es für uns nicht um ein „entweder – oder“. Nicht Frankreich statt Polen oder Tschechien, sondern Frankreich zusätzlich zu unseren anderen europäischen Partnern.

Welche Branchen sehen Sie als besonders vielversprechend an für eine verstärkte deutsch-französische Zusammenarbeit?

Natürlich zunächst unsere industriellen Kernbereiche: Automobil und Zulieferer, Maschinen- und Anlagenbau und die industrielle Produktion.

Gleichzeitig entstehen gerade in den Zukunftsfeldern große Chancen. Ich denke an Wasserstoff und Energie, an Dekarbonisierung und Digitalisierung, an Medizintechnik und künstliche Intelligenz und nicht zuletzt an die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie. Unser dritter Deutsch-Französischer Wirtschaftskongress in Leipzig hat gezeigt, welches Potenzial gerade hier für technologische Souveränität und neue Wertschöpfung steckt.

Ein weiterer Punkt ist der Mittelstand – und auch das Handwerk. Dort gibt es viele hochspezialisierte Unternehmen, die international sehr erfolgreich sein können.

Am Ende geht es aber weniger um einzelne Branchen als um die Verbindung von Industrie, Forschung und Technologie. Genau dort sehe ich besonders große Chancen für gemeinsame Innovationen.

Wie können kleine und mittlere Unternehmen in Mitteldeutschland konkret von den Aktivitäten des Wirtschaftsclubs profitieren? Welche Initiativen/Programme gibt es?

Unser wichtigstes Angebot ist unser Netzwerk. Gerade für mittelständische Unternehmen ist der Schritt in einen neuen Markt oft weniger eine Frage der eigenen Leistungsfähigkeit als des Zugangs zu den richtigen Ansprechpartnern. Und genau diesen Zugang wollen wir schaffen.

Wir können dabei auf ein sehr breites deutsch-französisches Netzwerk zurückgreifen: über den Service économique régional (SER) der Französischen Botschaft in Berlin, über Business France, die regionalen IHKs in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und die Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer (AHK) in Paris. Besonders wertvoll sind für uns auch unsere 14 Partnerclubs in verschiedenen Regionen Frankreichs. Dort stehen regelmäßig deutschsprachige Ansprechpartner mit ihren regionalen Netzwerken zur Verfügung. Damit können wir Unternehmen sehr konkret dabei unterstützen, den richtigen Kontakt in Frankreich zu finden.

Darüber hinaus schaffen wir mit Fachveranstaltungen, Unternehmensbesuchen, Wirtschaftskongressen und unseren regionalen Formaten Gelegenheiten, bei denen aus ersten Kontakten konkrete Geschäftsbeziehungen entstehen können. Ein gutes Beispiel ist unsere Verbindung zu Okzitanien und der „Jour de la Saxe“ / „Tag der Sachsen“ in Montpellier.

Unser Anspruch ist deshalb nicht, möglichst viele Veranstaltungen zu organisieren. Wir wollen Türen öffnen. Wenn aus einem Kontakt ein Geschäftspartner, aus einem Gespräch eine Kooperation oder aus einer ersten Idee eine gemeinsame Investition entsteht, dann haben wir als Wirtschaftsclub unseren Zweck erfüllt.

Speziell an Sie als Sparkassenvorstand: Wie sieht es mit Aktivitäten in oder mit Frankreich bei Ihren Firmenkunden aus?

Frankreich ist bei unseren Firmenkunden durchaus ein Thema. Es geht um Exportgeschäfte, Lieferbeziehungen, Kooperationen und natürlich auch um die Erschließung neuer Märkte.

Wir begleiten unsere Unternehmen dabei entlang ihrer gesamten Entwicklung: von der Finanzierung über den Zahlungsverkehr und die Absicherung von Auslandsgeschäften bis hin zur internationalen Expansion.

Aktuell betreuen wir allein bei der Sparkasse Leipzig eine ganze Reihe von Firmenkunden mit regelmäßigen Geschäftsbeziehungen nach Frankreich. Hinzu kommen die entsprechenden Geschäftsbeziehungen bei den anderen Sparkassen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Was ich dabei interessant finde: Internationalisierung ist längst kein Thema mehr, das nur die großen Unternehmen betrifft. Auch kleinere und mittlere Unternehmen schauen heute sehr genau, welche europäischen Märkte für sie interessant sind. Frankreich gehört dabei zunehmend dazu.

Suchen diese auch neue Lieferanten oder Abnehmer in Frankreich, um sich zu diversifizieren?

Ja, ganz klar. Diversifizierung hat in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Viele Unternehmen haben erlebt, wie verletzlich Lieferketten sein können, wenn man zu stark von einzelnen Regionen, Lieferanten oder Märkten abhängig ist.

Frankreich bietet eine interessante Möglichkeit, solche Abhängigkeiten innerhalb Europas zu reduzieren. Unternehmen suchen beispielsweise alternative Lieferanten, neue Vertriebspartner oder zusätzliche Absatzmärkte. Dabei geht es aber nicht darum, eine Abhängigkeit einfach durch eine andere zu ersetzen. Die Unternehmen schauen heute viel genauer hin: Woher bekomme ich kritische Komponenten? Wie stabil ist der Standort? Welche politischen und regulatorischen Risiken gibt es?

Frankreich kann bei dieser europäischen Diversifizierungsstrategie ein wichtiger Baustein sein. Entscheidend ist letztlich, die Lieferketten insgesamt resilienter aufzustellen und Risiken breiter zu verteilen.

Welche Fragen beschäftigen Ihre Firmenkunden, wenn diese sich in Frankreich wirtschaftlich engagieren möchten? Gibt es darunter auch welche, die dort investieren möchten?

Die erste Frage ist häufig ganz pragmatisch: Wie funktioniert der französische Markt? Danach geht es um mögliche Geschäftspartner, Vertriebsstrukturen, rechtliche Rahmenbedingungen, Steuern, Finanzierung und kulturelle Besonderheiten im Geschäftsleben.

Gerade für Mittelständler ist es wichtig, diese Fragen vor dem ersten Schritt zu klären. Frankreich ist ein attraktiver Markt, aber eben nicht einfach Deutschland in einer anderen Sprache.

Bei größeren Engagements geht es dann schnell um die Standortfrage: Brauche ich eine eigene Gesellschaft? Eine Vertriebs- oder Produktionsstruktur? Oder ist eine Kooperation sinnvoller?

Und ja: Wir sehen auch Unternehmen, die über Investitionen in Frankreich nachdenken. Das ist allerdings sehr stark von Branche und Strategie abhängig.

Von Ihren Firmenkunden, die bereits geschäftliche Beziehungen in Frankreich haben, worüber berichten diese?

Überwiegend positiv. Viele Unternehmen erleben Frankreich als professionellen und attraktiven Markt mit anspruchsvollen Kunden und Geschäftspartnern.

Gleichzeitig sagen sie aber auch: Man muss sich auf Frankreich einlassen. Persönliche Kontakte und Vertrauen spielen eine große Rolle. Wer einfach sein deutsches Geschäftsmodell eins zu eins übertragen will, wird es möglicherweise schwerer haben. Auch bei administrativen und rechtlichen Abläufen gibt es Unterschiede. Darauf sollte man vorbereitet sein.

Unterm Strich überwiegt aber klar der positive Eindruck. Frankreich ist ein leistungsfähiger europäischer Markt mit vielen Chancen – wenn man bereit ist, die Besonderheiten des Landes ernst zu nehmen und langfristig zu denken.

Neben Frankreich, für welche Länder interessieren sich Ihre Firmenkunden besonders?

Das ist natürlich je nach Branche unterschiedlich. Weiterhin sehr gefragt sind die europäischen Nachbarmärkte, insbesondere Polen und Tschechien sowie weitere Länder in Mittel- und Osteuropa. Für bestimmte Branchen sind auch die USA, China und zunehmend Indien und Vietnam interessant. Japan und Korea spielen vor allem für technologieorientierte Unternehmen eine Rolle.

Was sich aber verändert hat, ist die Frage, die Unternehmen an ihre Internationalisierung stellen. Früher hieß es oft: „Wo können wir am schnellsten wachsen?“ Heute lautet die Frage eher: „Wo können wir nachhaltig und resilient wachsen?“ Und damit rückt Europa wieder stärker in den Mittelpunkt.

Das ist eine große Chance für die deutsch-französische Zusammenarbeit. Wenn wir Europa wirtschaftlich stärken wollen, brauchen wir mehr Zusammenarbeit innerhalb Europas. Frankreich und Deutschland können dabei eine zentrale Rolle übernehmen. Und Mitteldeutschland sollte diese Chance nutzen.


  • Informationen über geschäftliche Rahmenbedingungen in Frankreich finden Sie in der Länderinformation Frankreich.
  • Kurzprofile von Unternehmen aus Frankreich, die Geschäftspartner in Deutschland suchen, haben wir für Sie zusammengestellt.

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