

Marcio Antonio Magalhães Canedo
Herr Canedo, der Handelsteil des EU-Mercosur-Abkommens ist seit fünf Monaten vorläufig in Kraft. Wie hat sich dies auf Ihre Arbeit im EEN ausgewirkt?
Das vorläufige Inkrafttreten des Handelsteils des EU-Mercosur-Abkommens hat sich sehr unmittelbar und positiv auf unsere Arbeit ausgewirkt.
Um Unternehmen Orientierung zu geben, sich in den Veränderungen zurechtzufinden, haben wir bereits mehr als zehn Webinare organisiert, in denen wir die neuen Rahmenbedingungen vorgestellt haben. Ferner erläuterten wir, wie das Enterprise Europe Network (EEN) Unternehmen auf beiden Seiten unterstützen kann.
Darüber hinaus arbeiten wir eng mit verschiedenen öffentlichen und privaten Organisationen in Brasilien und Paraguay zusammen, beraten sie zu den Chancen des Abkommens und zeigen auf, wie das EEN ihnen dabei helfen kann, den Marktzugang optimal zu nutzen.
Für ein deutsches Unternehmen ist es jetzt natürlich besonders interessant zu erfahren, wie es auf dem brasilianischen Markt aussieht.
Das Wichtigste, was ich einem deutschen KMU sagen würde, ist: Brasilien ist nicht nur ein Markt. Es ist eine kontinentale Wirtschaft mit sehr unterschiedlichen Regionen, Branchen, Unternehmenskulturen und Entwicklungsständen.
Genau deshalb kann der Markteintritt in Brasilien über einen qualifizierten lokalen Partner viel effektiver sein, als wenn ein Unternehmen versucht, das gesamte Land von Europa aus zu verstehen.
Hier kann das EEN den entscheidenden Unterschied machen. Im Berichtszeitraum unseres jüngsten Halbzeitberichts beantwortete das EEN Brasilien zum Beispiel 192 Anfragen europäischer Kollegen bezüglich ihrer Kunden und erhielt 126 direkte Anfragen von brasilianischen Unternehmen. Außerdem organisierten wir oder waren Mitorganisator von 22 Vermittlungsveranstaltungen und begleiteten 480 Unternehmen über die Matchmaking-Plattform.
Unsere Rolle ist also zunehmend die eines Vermittlers beim Markteintritt und nicht mehr nur die eines reinen Informationsanbieters.
Intensive Austausche bei Unternehmertreffen

Über welche Schlüsselbranchen verfügt Brasilien? In welchen Branchen ist es für deutsche KMU besonders einfach erfolgreich zu sein?
Ich möchte einige Bereiche hervorheben, in denen die Erfahrungen von EEN Brasilien besonders vielversprechend sind.
- Industrietechnologien und das verarbeitende Gewerbe sind ein naheliegendes Feld für deutsche KMU. Unsere Zusammenarbeit mit EEN Deutschland im Rahmen der „Metallbetrieb“-Mission war speziell darauf ausgerichtet, Kanäle für industrielle Kooperationen, Technologiepartnerschaften und den Marktzugang zu eröffnen.
- „Smart Cities“ sind eine weitere große Chance. Brasilien steht vor großen städtischen Herausforderungen und unsere Barcelona–Curitiba-Agenda verbindet Unternehmen und Kommunen im Rahmen von Vermittlungsaktivitäten, Start-up-Pitches, Innovationswettbewerben und der öffentlichen Auftragsvergabe. Jedes Jahr nehmen rund 130 brasilianische Unternehmen und Vertreter der Kommunen daran teil.
- Nachhaltigkeit und Rückverfolgbarkeit entwickeln sich zu einer eigenständigen Geschäftsmöglichkeit. Die europäische Entwaldungsverordnung schafft beispielsweise Nachfrage nach Rückverfolgbarkeit, georäumlicher Überwachung und Technologien für die Lieferkette. Wir betrachten die europäische Regulierung daher nicht nur als eine Frage der Einhaltung von Vorschriften, sondern als potenziellen Markt für die brasilianisch-europäische Technologiekooperation.
- Hinzu kommen die Bereiche Mode und Textilien, Innovation und Forschung & Entwicklung sowie digitale Technologien, in denen unsere Missionen bereits konkrete Kooperationskanäle geschaffen haben.
Und wo gibt es Schwierigkeiten?
In der Regel dort, wo ein Unternehmen mit einem rein europäischen Geschäftsmodell nach Brasilien kommt und davon ausgeht, dass sich der Markt daran anpassen wird.
Brasilien belohnt Unternehmen, die bereit sind, sich vor Ort zu etablieren, Beziehungen aufzubauen und das regulatorische und wirtschaftliche Umfeld zu verstehen.
Wie sieht denn die Unternehmenslandschaft in Brasilien aus?
Brasilien ist überwiegend eine KMU-Wirtschaft. Kleinst- und Kleinunternehmen machen laut Sebrae, dem brasilianischen Institut für kleine und mittlere Unternehmen, etwa 99 Prozent der brasilianischen Unternehmen aus.
Für ausländische KMU gibt es jedoch einen wichtigen Unterschied: Die Anzahl der Unternehmen ist nicht gleichbedeutend mit der Konzentration der Wirtschaftskraft.
Im verarbeitenden Gewerbe beispielsweise erwirtschaften Großunternehmen den Großteil des Industrieumsatzes. Daten des IBGE für das Jahr 2024 zeigen, dass Unternehmen mit 500 oder mehr Beschäftigten 67,9 Prozent des industriellen Nettoumsatzes erwirtschafteten, verglichen mit 17,4 Prozent bei mittelständischen, 8,7 Prozent bei kleinen und 6,1 Prozent bei Kleinstunternehmen (Brasilianisches Institut für Geografie und Statistik, IBGE).
Daraus ergibt sich eine interessante Struktur für deutsche KMU: Es gibt eine riesige Zahl potenzieller KMU-Partner, aber auch große brasilianische Konzerne, die über die nötige Größe verfügen, um zu wichtigen Kunden, Vertriebspartnern oder Industriepartnern zu werden.
Und in welchen Rechtsformen sind die Unternehmen vor allem anzutreffen? Wie sieht die Haftung aus?
Für ein ausländisches KMU ist die "Sociedade Limitada – LTDA" besonders relevant. Sie ist die häufigste Unternehmensform in Brasilien und kann mittlerweile von einem einzigen Gesellschafter als Sociedade Limitada Unipessoal gegründet werden. Die Haftung der Gesellschafter ist grundsätzlich auf ihre Kapitaleinlage beschränkt, vorbehaltlich der üblichen rechtlichen Ausnahmen wie der Durchgriffshaftung.
Die "Sociedade Anônima – S.A." ist eine weitere wichtige Rechtsform, insbesondere für größere Unternehmen und Firmen, die eine komplexere Kapital- und Führungsstruktur benötigen. Die Haftung der Gesellschafter ist in der Regel auf den Wert der gezeichneten Aktien beschränkt.
Für deutsche KMU, die in Brasilien ein Unternehmen gründen möchten, ist es entscheidend, die Rechtsform nicht isoliert zu wählen. Die Struktur sollte gemeinsam mit brasilianischen Rechts- und Buchhaltungsexperten entsprechend der geplanten Geschäftstätigkeit, der Eigentümerstruktur, der Besteuerung und dem Investitionsmodell gestaltet werden.
Welche Zeitspanne müssen Unternehmen für die Gründung in Brasilien einkalkulieren? Welche Unterstützung kann das EEN Brasilien bieten?
Brasilien hat erhebliche Fortschritte bei der Vereinfachung der Unternehmensregistrierung erzielt.
Der bundesstaatliche „Mapa de Empresas“ gibt derzeit eine durchschnittliche Gründungsdauer von rund 23 Stunden an.
Ich möchte ein deutsches Unternehmen jedoch davor warnen, dies so zu interpretieren, dass „man sein brasilianisches Unternehmen an einem Tag gründen kann“.
Die Registrierung selbst kann zwar schnell vonstattengehen; die Einholung der erforderlichen Lizenzen, das Verständnis der steuerlichen Verpflichtungen, die Auswahl der geeigneten Unternehmensform und die Aufnahme des Geschäftsbetriebs können jedoch erheblich länger dauern. Die Regierung selbst weist darauf hin, dass die Genehmigungsanforderungen je nach Tätigkeit und Risikostufe variieren können.
Hier liegt der Mehrwert des EEN. Wir können einem ausländischen KMU dabei helfen, das richtige lokale Ökosystem, potenzielle Partner, Marktinformationen und relevante EEN-Ansprechpartner zu identifizieren. Wir sind kein Ersatz für brasilianische Rechtsanwälte oder Steuerberater, können aber die Kosten für die eigenständige Erschließung des Marktes erheblich senken.
Deutsche Unternehmen legen großen Wert auf Rechtssicherheit. Hierbei schneidet Brasilien jedoch nicht so gut ab. Wie äußert sich Korruption im Geschäftsleben, und worauf sollten deutsche Unternehmen besonders achten?
Als Erstes möchte ich sagen: Verwechseln Sie Komplexität nicht mit Korruption.
Brasilien hat ein komplexes regulatorisches und steuerliches Umfeld. Das kann für ein ausländisches Unternehmen manchmal undurchsichtig wirken, aber Komplexität ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Korruption.
Gleichzeitig muss die Einhaltung von Vorschriften ernst genommen werden. Transparency International bewertet Brasilien derzeit mit 35 von 100 Punkten und stuft es in seinen neuesten Korruptionswahrnehmungsindex auf Platz 107 von 182 Ländern ein.
Für ein deutsches Unternehmen würde ich drei Grundsätze empfehlen:
- Man sollte wissen, wer der Partner ist. Eine sorgfältige Prüfung von Vertriebspartnern, Vertretern, Beratern und Vermittlern ist unerlässlich.
- Dokumentieren Sie Alles. Verträge, Zahlungen, Provisionen, Interaktionen mit dem öffentlichen Sektor und Beschaffungsprozesse sollten transparent sein und ordnungsgemäß dokumentiert werden.
- Drittens: Gehen Sie niemals davon aus, dass die Aussage „so läuft das Geschäft hier nun einmal“, ein akzeptables Argument für die Einhaltung von Vorschriften ist.
Brasilianische Unternehmen, die international tätig sind, verstehen dies zunehmend besser. Tatsächlich wird Compliance selbst zu einem Wettbewerbsvorteil.
Der sicherste Ansatz für deutsche KMU ist nicht, Brasilien wegen des Risikos zu meiden, sondern von Anfang an mit professioneller Compliance in den brasilianischen Markt einzusteigen.
Reges Interesse am Stand auf der Hannover Messe

Für die Suche nach Geschäftspartnern im Ausland bietet das EEN eine Datenbank für Kooperationsmöglichkeiten (POD). Derzeit scheint sie nur sehr wenige brasilianische Unternehmen zu enthalten. Wie erklären Sie sich das?
Ich würde die Sichtbarkeit brasilianischer Unternehmen in der POD nicht als verlässlichen Maßstab für die Internationalisierungsaktivitäten brasilianischer Unternehmen interpretieren.
Unsere bereits erwähnten Zwischenergebnisse zeichnen ein viel umfassenderes Bild: In diesem Zeitraum unterstützte EEN Brasilien rund 180 brasilianische Unternehmen im Rahmen des MWC Barcelona (Mobile World Congress), mehr als 1.500 brasilianische KMU bei Geschäftsrunden auf der Hannover Messe sowie gut 400 Start-ups. Außerdem organisierten oder unterstützten wir 22 Vermittlungsveranstaltungen und begleiteten 480 Unternehmen durch b2match.
Die Frage lautet also vielleicht nicht „Warum sind so wenige brasilianische Unternehmen in der Datenbank vertreten?“, sondern vielmehr „Wie können wir die sehr umfangreichen Internationalisierungsaktivitäten brasilianischer Unternehmen in eine noch stärkere digitale Pipeline von Geschäftsmöglichkeiten umwandeln?“.
Das ist einer der Bereiche, in denen ich noch Entwicklungspotenzial sehe. Unsere Strategie zielt zunehmend darauf ab, Pipelines aufzubauen statt isolierter Veranstaltungen. Also weg von isolierten Veranstaltungen und gesammelten Kontakten hin zu einer „Mission-to-Market“-Pipeline und dokumentierten Ergebnissen.
Welche Pläne haben Sie für das kommende Jahr?
Für 2027 besteht das Ziel nicht einfach darin, mehr brasilianische Unternehmen nach Europa zu entsenden. Wir wollen, dass das EEN Brasilien zu einer treibenden Kraft für Lateinamerika und den Mercosur wird, einschließlich einer regionalen Vermittlungsagenda rund um Ciudad del Este (zweitgrößte Stadt von Paraguay) und Foz do Iguaçu (brasilianische Stadt im Dreiländereck Brasilien, Argentinien und Paraguay) sowie eines Mercosur-Treffens zur Zusammenarbeit zwischen europäischen und Mercosur-KMU.
Das ist für mich die wichtigste Botschaft an deutsche KMU: Brasilien positioniert sich nicht lediglich als ein weiteres EEN-Ziel. Es positioniert sich als Tor zu einem breiteren Spektrum an Geschäftsmöglichkeiten in Lateinamerika und im Mercosur.
Große und komplexe Städte erfordern neue Lösungen

Bis vor kurzem ist Brasilien jedoch oft mit negativen Schlagzeilen in den Medien gewesen: Regenwaldzerstörung, Bedrohungen für indigene Völker, politische und institutionelle Risiken. Wie sehen Sie dieses Bild?
Brasilien steht zweifellos vor Herausforderungen und wir sollten nicht so tun, als wäre das nicht der Fall. Das Problem bei vielen internationalen Schlagzeilen ist jedoch, dass sie Brasilien in erster Linie anhand seiner Risiken beschreiben und nicht anhand der Geschäftsmöglichkeiten, die sich durch seinen Wandel ergeben.
Entwaldung, Rückverfolgbarkeit, nachhaltige Produktion, Urbanisierung, Energiewende und industrielle Modernisierung sind nicht nur brasilianische Probleme. Sie sind riesige Märkte für Technologie, Dienstleistungen und industrielle Lösungen.
Genau hier sehen wir die Rolle von EEN Brasilien. Unser Ziel ist es nicht, ein romantisches Bild von Brasilien zu verkaufen. Es geht darum, europäische Unternehmen mit brasilianischen Partnern zu vernetzen, die den Markt, das regulatorische Umfeld und die Geschäftskultur verstehen sowie internationale Präsenz in Geschäftsergebnisse umzuwandeln.
Mit welchen Schlagzeilen würden Sie ausländische KMU nach Brasilien locken?
Für ein europäisches KMU würde ich folgenden Vorschlag machen: „Betrachten Sie Brasilien nicht nur als ein Land, in das Sie vordringen wollen – betrachten Sie es als einen Markt, auf dem Ihre Technologie dazu beitragen kann, einige der größten Herausforderungen der Welt zu lösen.“
Brasilien ist ein Testfeld für globale Lösungen. Das Land vereint Größe, hochentwickelte Unternehmen, anspruchsvolle Verbraucher, komplexe städtische Umgebungen und einige der weltweit wichtigsten Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeit. Für ein innovatives KMU kann diese Kombination äußerst attraktiv sein.
Ich würde daher sagen, dass der wahre Maßstab für den Erfolg zunehmend nicht darin besteht, ob ein Unternehmen ein Profil in einer Datenbank hat, sondern ob aus einem qualifizierten Kontakt ein Treffen wird, aus einem Treffen eine Verhandlung und aus einer Verhandlung eine Partnerschaft.
In diese Richtung entwickeln wir das Netzwerk weiter.
Für die Geschäftspartnersuche unterstützt der EuropaService mit seinem Kooperationsservice.
Das EEN ist in Brasilien in Brasilia und Sao Paulo vertreten.
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