BIP allein macht nicht glücklich

Februar 2011

Die Gleichung: hohes Bruttoinlandsprodukt (BIP) gleich Wohlstand, Lebensqualität und Produktivität wird bereits seit einigen Jahren kontrovers diskutiert. Während die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes recht genau und vor allem vergleichbar anhand des BIP abgebildet wird, fehlen andere Indikatoren und Komponenten, die eine umfassendere Aussage über den Zustand einer Volkswirtschaft erlauben. Kritiker fordern schon länger, dass weitere Vergleichswerte zur Messung von Fortschritt und Wirtschaftskraft mit einbezogen werden.

Zu den Kritikern gesellt sich der EU Ausschuss der Regionen, die in ihrer Stellungnahme „Die Messung des Fortschritts über das BIP hinaus“ u. a. fordern, dass ökologische und soziale Indikatoren ebenso mit einbezogen werden - insbesondere bei der Ausarbeitung der EU-2020-Strategie. Ein zentrales Anliegen des Ausschuss ist es, das sich aus Struktur- und Kohäsionsfonds geförderte Maßnahmen nicht allein am BIP-pro-Kopf orientieren. Wachstum soll neu bzw. anders definiert werden, in:
• intelligentes Wachstum, d.h. wissens- und innovationsorientiert
• integratives Wachstum, gleichbedeutend mit einer hohen Beschäftigungsquote
• nachhaltiges Wachstum, ressourcenschonend und ökologisch

Zur Ausarbeitung einheitlicher ökologischer Indikatoren gehört beispielsweise der Aufbau eines europaweiten „Umweltindexes“, der Treibhausemissionen, Luftverschmutzung, Wasserverbrauch, Abfallaufkommen sowie Flächenversiegelung beinhaltet. Soziale Komponenten können z. B. der Zugang zu Gesundheitsversorgung und öffentliche Dienstleistungen sein. In dem Zusammenhang verweist der Ausschuss auf die vom Europäischen Amt für Statistik durchgeführte, bisher nicht veröffentliche Umfrage zu Lebensbedingungen von Familien in Europa im Vergleich.

Die in der Studie „Regionen 2020“ sowie im „Fünften Bericht über den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt“ aufgeführten Ergebnisse bieten Hinweise für die Vergleichbarkeit von Gebieten und sollten ebenfalls berücksichtigt werden. So wird davon ausgegangen, dass rund ein Drittel der EU-Bevölkerung (ca. 170 Mio. Menschen) in Regionen leben, die vom Klimawandel erheblich betroffen sind. Gleichzeitig gelten Teile dieser Regionen als beeinträchtigt, was eine ausreichende Energieversorgung angeht. Allein daraus resultierende Wanderungsbewegungen werden erhebliche Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der jeweiligen Länder haben.

Allerdings ist auch für die EU-Kommission das BIP nicht mehr alleiniges Maß aller Dinge. Der Bericht der von ihr 2008 beauftragten Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission erläutert auf knapp 300 Seiten, wie eine andere Berechnung von Wohlstand, Lebensqualität und Produktivität möglich ist. Geschrieben unter dem Eindruck der Finanz- und Wirtschaftskrise wendet sich der Report u. a. an politische Entscheidungsträger mit dem Versuch, den Blick in Richtung eines ganzheitlichen wirtschaftlichen Wohlergehens zu richten und weg von der Messung reiner Produktivität zu kommen.


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