Kroatien setzt auf zusätzliche Impulse

Juni 2013

Der 1. Juli wird zahlreiche Erleichterungen im Austausch mit Kroatien bringen, dadurch erwartet die AHK Kroatien zusätzliche Impulse für die deutsch-kroatischen Wirtschaftsbeziehungen. Welche Chancen dies sein können, erläutert Gunther Neubert, Geschäftsführer der Deutsch-Kroatischen Industrie- und Handelskammer.

Sehr geehrter Herr Neubert, der 1. Juli 2013, für Kroatien der erste Tag als 28. EU-Mitglied, ist der Beginn einer neuen Arbeitswoche. Was werden Sie an diesem Tag machen?

Nach einem Treffen mit Bundestagsabgeordneten, die sich anlässlich der Beitrittsfeierlichkeiten in Kroatien befinden, fliege ich nach Deutschland, um beim Hessischen Außenwirtschaftstag Unternehmen über die Marktchancen in Kroatien zu beraten.

Laut der Zeitung „Nachrichten für den Außenhandel“ waren es die längsten Verhandlungen aller bisherigen Beitrittskandidaten. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Zu den in der Tat langen Beitrittsverhandlungen haben u.a. vorangehende Grenzstreitigkeiten mit Slowenien beigetragen. Aber auch die eher problematischen EU-Beitritte Rumäniens und Bulgariens haben Konsequenzen nach sich gezogen, die sich dann auch auf Kroatien übertragen haben. So wurden beispielsweise einige zeitintensive und heikle Beitrittskapitel gleich zu Beginn des Beitrittsverfahrens mit Kroatien verhandelt.

Die Beteiligung an der Wahl zum EU-Parlament im April lag bei 20 Prozent. Dies spricht nicht gerade für besonders großes Interesse. Welche Stimmung nehmen Sie bei den Unternehmen zum EU-Beitritt wahr?

Aus Sicht der überwiegenden Mehrheit unserer deutschen und kroatischen Kammermitglieder ist der EU-Beitritt trotz der gegenwärtigen Probleme in der EU ein sehr erstrebenswerter Schritt, der schon viele positive Veränderungen in Kroatien bewirkt hat. Bereits jetzt werden etwa 65% des kroatischen Außenhandels mit der EU abgewickelt. Der Wegfall der Zollgrenze führt bei diesen zwei Drittel des kroatischen Außenhandels zu einer deutlichen Vereinfachung einschließlich der Reduzierung der Transaktionskosten. Wir erwarten, dass der EU-Beitritt auch zu einer weiteren Vereinfachung und Nachvollziehbarkeit der administrativen Abläufe in Kroatien führen wird. Daraus dürften wiederum zusätzliche Impulse für die Vertiefung der deutsch-kroatischen Wirtschaftsbeziehungen entstehen. Bei der Überwindung der noch bestehenden strukturellen Schwächen der kroatischen Wirtschaft konnten und können deutsch-kroatische Kooperationen sehr hilfreich sein. So können z. B. viele Partner aus Deutschland in Kroatien wertvolles praktisches Wissen in Bezug auf den Umgang mit EU-Fördermitteln einbringen.

Derzeit ist Deutschland der zweitwichtigste Handelspartner Kroatiens mit rund drei Milliarden Euro Handelsvolumen und der drittwichtigste ausländische Direktinvestor. Welche Auswirkungen erwarten Sie hinsichtlich des bilateralen Handels nach dem Beitritt? Wird es für deutsche kleine und mittlere Unternehmen nach dem Beitritt Kroatiens einfacher dort zu investieren oder ändert sich daran nichts?

Die günstige Lage Kroatiens, perspektivreiche Branchen und der EU-Beitritt eröffnen deutschen Unternehmen zahlreiche Kooperations- und Geschäftsmöglichkeiten. Mit dem EU-Beitritt wird der kroatische Markt Teil des EU-Binnenmarktes, was die Belieferung wesentlich erleichtert. In diesem Zusammenhang sind weitere Niederlassungen internationaler Handelsketten zu erwarten, wodurch die Nahrungsmittelimporte ausgeweitet und neue Produkte auf dem Markt eingeführt werden. Andererseits wird dies den Druck auf kroatische Produzenten erhöhen. Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit sind längst überfällig. Deutsche Technik, z.B. im Bereich der Lebensmittelverarbeitung und -verpackung wird zunehmend nachgefragt.

In welchen Branchen sind ausländische Investitionen vor allem erforderlich? Gibt es besondere Anreize für kleine und mittlere Firmen dort zu investieren?

Kroatien bietet umfangreiche Möglichkeiten für ein erfolgreiches Engagement deutscher Unternehmen. Es gibt bereits jetzt eine Reihe erfolgreicher deutscher Investitionen in Kroatien, die als überzeugende Beispiele dienen können. Darunter sind mittelständische Unternehmen, die mit einer ständig wachsenden Mitarbeiterzahl Produkte ausschließlich oder überwiegend für den Weltmarkt herstellen. Zu den Wettbewerbsvorteilen Kroatiens zählen die günstige geografische Lage, die (mit Ausnahme der Eisenbahn) gut entwickelte Verkehrsinfrastruktur, natürliche Ressourcen und noch nicht genutzte Entwicklungspotenziale. Der Ausbildungsstand der kroatischen Arbeitnehmerschaft ist gut, viele qualifizierte Arbeitskräfte verfügen über gute Deutschkenntnisse.

Die kroatische Regierung plant verstärkte Investitionsanreize, was zu einer zusätzlichen Dynamik der Geschäftsmöglichkeiten führen wird. Mittel- und langfristig sind verstärkt Investitionen in den Wachstumsbranchen Energie (einschließlich Erneuerbarer Energien und Energieeffizienzsteigerung), Infrastruktur (Bahn-, Hafen- und Straßenausbau), Umwelttechnik (Wasserversorgung, Abfall- und Abwasserbehandlung), Logistik und Tourismus zu erwarten. Zu weiteren Branchen mit den mittelfristig besten Wachstumsaussichten zählen der Telekommunikationssektor und die Nahrungsgüterwirtschaft. Die erwartete Investitionsbelebung sowie der Nachhol- und Modernisierungsbedarf in verschiedenen Branchen bieten deutschen Ausrüstungsherstellern wieder bessere Lieferchancen.

Gibt es bei Anfragen nach Förderungen Besonderes zu beachten? Was haben Sie aus Ihrer Praxis hier wahrgenommen?

Im Wettbewerb mit anderen Ländern braucht Kroatien vor allem eine deutliche Vision und Wirtschaftsstrategie sowie die nötige Entschlossenheit und Beharrlichkeit, um die entsprechenden Maßnahmen durchzuführen. Daher ist es wichtig, möglichst schnell bestehende Mängel und Investitionshindernisse zu beseitigen und ein allgemein freundlicheres Investitionsklima zu schaffen und die geschaffenen Vorteile auch auf effektive und wirksame Weise auf internationaler Ebene zu vermarkten – dadurch hat Kroatien gute Chancen, seine Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und ausländische Direktinvestitionen anzuziehen. Kroatien sollte sich im Wettbewerb mit anderen Ländern vorrangig auf seine Stärken konzentrieren und bestehende Wettbewerbsvorteile ausbauen, z.B. im Tourismus, im Bereich der Erneuerbaren Energien und der Infrastruktur. Dabei sollte der Aufbau von Joint Ventures zwischen deutschen und kroatischen Unternehmen gefördert werden, da dadurch auch ein Transfer von Know How und Technologien ermöglicht wird.

Über ausgewählte Investitionsbedingungen in Kroatien informiert das Länderinfo Kroatien unter http://europaservice.dsgv.de/laenderinfos/irland-luxemburg/kroatien.html

Kurzprofile kroatischer Unternehmen, die auf der Suche nach Geschäftspartnern in Deutschland sind, finden sich in den Eurokontakten unter http://europaservice.dsgv.de/kooperationsservice/eurokontakte/index.html

Die Dienstleistungen der Deutsch-Kroatischen  Industrie- und Handelskammer finden sich unter http://kroatien.ahk.de 

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